EIN GESPRÄCH MIT REGISSEUR BRAD ANDERSON
Nach den vertrackten SESSION 9 und THE MACHINIST ist TRANSSIBERIAN ein für Ihre Verhältnisse ungewöhnlich geradliniger Film geworden. War das Absicht?
Ich versuche, mit jedem Film wieder bei Null anzufangen. Es interessiert mich nicht sonderlich, Boden zu beackern, den ich bereits beackert habe. Meine beiden ersten Filme waren romantische Komödien, danach kamen SESSION 9 und THE MACHINIST. Eine größere Kehrtwende kann man kaum machen. Jetzt wollte ich wieder etwas anderes machen. Richtig, TRANSSIBERIAN ist geradliniger, aber auch düster und dramatisch, ein richtiges Abenteuer. Natürlich steckt dahinter das Bedürfnis, mich nicht zu sehr zu wiederholen. Ich bin an Weiterentwicklung interessiert.
THE MACHINIST hat Sie einem internationalen Publikum bekannt gemacht. Hatten Sie bei TRANSSIBERIAN den Eindruck, einem Ruf gerecht werden zu müssen?
Rückblickend war THE MACHINIST für mich vor allem deshalb so bedeutsam, weil ich zum ersten Mal mit der spanischen Produktionsfirma Filmax zusammengearbeitet habe, die jetzt auch TRANSSIBERIAN auf die Beine gestellt haben. Das ist eine Beziehung, die sich für mich soweit(bisher) als sehr fruchtbar erwiesen hat. Sie lassen mich die Filme machen, die ich machen will. Das gefällt mir. Ich kann mir nicht vorstellen, ein solches Verhältnis zu einer Produktionsfirma in den Staaten aufzubauen. Also sind THE MACHINIST und TRANSSIBERIAN für mich untrennbar miteinander verbunden: Wenn ich den einen nicht gemacht hätte, wäre der andere niemals möglich gewesen. Rein visuell und tonal sind es grundverschiedene Filme. Ich entdecke allerdings, dass beide das Thema Schuld beleuchten – und wie die Protagonisten mit ihrer persönlichen Schuld umgehen. Offenbar beschäftigt mich das. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, warum das so ist.
Was war der Grund, warum Sie einen Film machen wollten, der an Bord der Transsibirischen Eisenbahn spielt?
Vor 20 Jahren habe ich als Rucksacktourist selbst eine Fahrt auf der Transsib erlebt. Ich bin durch Asien gereist und kaufte in China ein Ticket für den Zug. Diesen Trip kann man als Keimzelle für den gesamten Film betrachten.
Am College habe ich Russisch studiert und die Geschichte des Landes. Russland hat mich immer interessiert, was der Grund dafür ist, dass ich einen Film machen wollte, der dort spielt. Ursprünglich hatten wir auch vor in Russland tatsächlich an Bord der Transsib zu drehen. Leider war das nicht möglich. Grundsätzlich gefiel mir die Idee, einen Film zu machen, der an nur einem Drehort spielt – ein Drehort allerdings, der ständig in Bewegung ist.
Bei Ihrem damaligen Trip haben Sie tatsächlich die komplette Strecke bis Moskau zurückgelegt? Was sind Ihre Erinnerungen?
Ja, ich bin die komplette Strecke gefahren. Ab und zu bin ich unterwegs ausgestiegen, um mir die Orte genauer anzusehen, die ich spannend fand. Das war 1988, damals war es noch die UdSSR, ein wirklich völlig anderes Land. Für die Vorbereitung auf den Film haben wir die Reise noch einmal unternommen, vor etwa eineinhalb Jahren. An Bord des Zuges hat sich nicht so wahnsinnig viel verändert. Es sind dieselben Züge, die ich schon vor 20 Jahren benutzt habe. Viele der kleinen Dörfer, speziell in Sibirien, sind noch genauso wie damals. Zumindest dieser Teil von Russland verändert sich nicht sehr schnell.
Sind die Züge im Vergleich zu damals heruntergekommen?
Etwas schon, aber nicht wirklich dramatisch. Das liegt einfach daran, dass man die Züge und die Strecke seit dem Ende des Kommunismus nicht modernisiert hat. Da nagt nun mal der Zahn der Zeit daran. Man kann mittlerweile sehr viel moderner mit Zügen durch Russland reisen. Die sind auf Touristen aus dem Westen ausgerichtet. Da gibt es gutes Essen, Erste-Klasse-Abteile mit allen Annehmlichkeiten. Die Transsib wird auch von einfachen Leuten und Arbeitern genommen, die von A nach B kommen und mit einem praktischen, funktionierenden Zug fahren wollen. Das war damals so, und das ist auch heute so.
Hat sich die Story von TRANSSIBERIAN durch die Eindrücke, die Sie auf der zweiten Reise gewonnen haben, noch einmal verändert?
Wir hatten eine komplette Version des Drehbuchs, als wir uns auf die Reise machten. Der Szenenbildner und die Produzenten waren mit dabei, weil es uns darum ging herauszufinden, wie wir den Zug für den Film richtig zu Leben erwecken könnten.
Da war das Skript wichtig, um uns Anhaltspunkte zu geben. Geändert hat sich allerdings nicht mehr sehr viel. Ich hatte bereits all die nötigen Details eingearbeitet, an die ich mich von meiner ersten Reise erinnern konnte, und stellte fest, dass alles immer noch so ist wie damals. Das Essen ist immer noch unerträglich, immer noch läuft 24 Stunden am Tag diese quälende Musik, man trifft immer noch die selben schrägen Gestalten: Arbeiter, Rucksacktouristen, chinesische Händler, die dir ihren Tand andrehen wollen.
Man kann sich keine spannendere Kulisse vorstellen. Aber der Zug hilft natürlich auch, die Situation im Film zu verschärfen: An Bord sind Ihre beiden Protagonisten komplett isoliert.
Darum ging es. Uns gefiel die Idee, dass Jessie in diesem klaustrophobischen Umfeld noch viel stärker gezwungen ist, sich mit der Tragweite Ihrer Taten auseinanderzusetzen. Es gibt keine Möglichkeit für sie, ihrem Schmerz und ihren Gedanken zu entkommen. Wenn dann ihr ahnungsloser Ehemann auch noch mit dem russischen Inspektor ankommt, spitzt sich das Drama wie von selbst zu. Selbst wenn sie den Zug verlassen könnte, befände sie sich in der Mitte von nirgendwo. Für mich als Filmemacher ergeben sich daraus jede Menge Möglichkeiten, Spaß zu haben. Wenn man erstmal an Bord des Zuges ist, kommt man nicht mehr weg. Man muss den ganzen Weg gehen, bis man am Ziel ankommt. Ob man will oder nicht.
Emily Mortimers Darstellung ist eine regelrechte Tour de Force. Haben Sie den Dreh als sehr intensiv empfunden?
Ja, natürlich, wobei ich sicherlich auch abgelenkt war, einfach aufgrund der immensen technischen Herausforderungen, wie und was man genau im Zug drehen kann. Wir mussten ständig auf neue Probleme reagieren und Lösungen finden. Aber wenn man mit Schauspielern wie Emily Mortimer, Woody Harrelson und Sir Ben Kingsley arbeitet, weiß man, dass man sich auf sie verlassen kann. Sie sind so gut, dass man nie Angst hat, einem könnten die Felle wegschwimmen. Ihre Ideen und Eingebungen sind brillant! Ich wünschte, ich hätte so tolle Einfälle.
Unweigerlich drängen sich Vergleiche mit einer Reihe von Filmen Hitchcocks auf.
Viele seiner Filme spielen nun mal in Zügen – STRANGERS ON A TRAIN oder THE LADY VANISHES – was sicherlich auch daran liegt, dass man in den 30er- oder 40er-Jahren nun mal in Zügen gereist ist. Ich muss nicht betonen, dass ich seine Filme verehre und ein großer Fan von Hitchcock bin. THE MACHINIST war in nicht unbeträchtlichem Maße von Hitchcocks wiederkehrenden Themen beeinflusst. Natürlich haben wir bei TRANSSIBERIAN nicht willentlich versucht, Hitchcock zu kopieren. Aber wenn man eine solche Geschichte erzählt, bewegt man sich ganz von allein auf diesem Terrain. In Amerika reisen die Menschen nicht im Zug, zumindest nicht über mehrere Tage hinweg. Es gibt nicht mehr so wahnsinnig viele Strecken auf der Welt, wo man das überhaupt noch kann. Die Transsib ist vermutlich die bekannteste. Deshalb fühlt sich die Story auch echt und glaubwürdig an, die Prämisse macht Sinn. In gewisser Weise evozieren wir eine vergangene Ära, wenn man die Geschichte einer solchen Zugfahrt erzählt. Das hat automatisch dieses besondere Hitchcock-Feeling. Ein weiterer Referenzpunkt für mich war übrigens Polanski, den ich unglaublich bewundere und dessen Filme über Figuren in paranoiden Situationen ein bisschen Vorbild für TRANSSIBERIAN standen.
Man spürt in jedem Fall einen europäischen Einfluss.
Es ist eine europäische Koproduktion. Mit Ausnahme von Woody Harrelson und Kate Mara habe ich mit europäischen Schauspielern gearbeitet. Es ist die Art von Kino, die mir nahe steht. Ich hatte die Absicht, einen Film zu machen, der auf ein amerikanisches Publikum regelrecht exotisch wirkt, indem ich eine Welt zeige, die man nicht aus unzähligen anderen Filmen kennt. Ich persönliche reise für mein Leben gern; das ist es, was mich inspiriert. Deshalb habe ich damals die Reise durch Asien unternommen, deshalb entdecke ich auch heute immer noch gerne neue Länder und Kulturen. Filme zu machen, hat ebenfalls etwas von einer Entdeckungsreise. An exotischen Plätzen zu drehen, war immer einer meiner Träume. Als Filmax mir das Angebot machte, mich bei TRANSSIBERIAN zu unterstützen, ging er in Erfüllung. Wir haben Russland bereist und hätten tatsächlich auch in Sibirien gedreht, wenn es möglich gewesen wäre.
Hat sich Ihr Selbstverständnis als Filmemacher durch die enge Zusammenarbeit mit Filmax verändert?
Sie haben mich verdorben. Sie lassen mich einfach machen. Ich kann meine Vision umsetzen, ohne dass sie sich einmischen. Mehr kann man sich nicht wünschen. Auch meine Filme davor waren eher kleine Produktionen, also konnte ich sie so realisieren, wie ich es wollte. Aber das Maß an Unterstützung, das ich in Europa erfahre, ist eine tolle Erfahrung für mich. Ich weiß, das klingt nach einem Klischee, aber ich kann nur sagen: In Europa sieht man Film noch als Kunstform und nicht als Produkt. Ich wäre verrückt, nicht davon profitieren zu wollen.
Offizielle TRANSSIBERIAN Film-Website
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